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Das Laufrad und seine Geschwindigkeit


Das Laufrad und seine Geschwindigkeit



Mensch oder Dampfkessel


Mit diesem Laufrad bin ich nicht zum See gefahren. Mit diesem Laufrad fahre ich überhaupt nicht.

Mein Fahrrad sieht ganz anders aus, ganz anders jedoch nicht. Nur der eine Unterschied ist die Tretkurbel und die beiden Zahnräder an der Tretkurbel und dem Hinterrad und die Kette, die über beide läuft und so das Rad vorwärts treibt. Die Füße treten auf die beiden Tretpedalen und so bewegt sich das Zahnrad an der Tretkurbel.

Außerdem muß ich auf diesem Rad, von dem ich meine Beine nicht mehr auf den Boden zum Abstoßen setze, das Gleichgewicht halten. Sonst falle ich mit dem Rad um.

Ein Fahrrad mit den Zahnrädern und den Tretpedalen fährt viel schneller als ein Laufrad, das nur mit den Beinen vorwärts gestoßen wird. So wurde der Mensch in seiner Vorwärtsbewegung auf seinen Fahrgeräten schon durch diese Entwicklung schneller. Der Rausch der Geschwindigkeit hatte damit nicht erst begonnen, er erfuhr nur eine Steigerung. Schon beim Laufen mit den Beinen hatte der Mensch den Rausch der Geschwindigkeit erleben können. Mit dem Laufrad hatte er ihn fortgesetzt und mit den Zahnrädern und der Kette und den Tretkurbeln hatte er ihn nur noch gesteigert.

Seitdem hat er dieses System nie mehr grundlegend geändert, auch nicht durch die Zweiräder, auf die er sich auf den Rücken legt. Das Prinzip der Fortbewgegung blieb, nur die Übertragung der Kraft von den Beinen auf das Antriebsrad hat er verändert.

Wie? Schneller natürlich, immer ist er seinem Ziel nachgerannt, schneller zu werden. Heute ist ein sogenannter Sportler auf seinem Rennrad nichts anderes als ein Heizkessel.

Das Rad selbst kann nur seine Technik verbessern, es kann leichter werden, es kann die Übersetzung der Menschenkraft optimieren, aber wenn dann in diesem Kräftesystem keine Steigerung mehr möglich ist, muß die Maschine verbessert werden, die dieses System der Kraftausnutzung antreibt. Die Zelle, aus der die Kraft für den Antrieb kommt. Der Sportler, der Mensch. Und jetzt wird der Mensch mit den Kraft steigernden Stoffen gefüttert, nur zu dem Zweck, um die Maschine schneller fahren zu sehen.

Der Mensch ist nicht zum Nutzer der Mechanik emporgestiegen. Diesen Gipfel hat er schon vor langer Zeit erreicht. Jetzt hat er den Abstieg zum Sklaven der Maschine, ihrer Kraftsysteme, angetreten. Er ist zum Dampfkessel der Fahrradmaschine geworden. Doch um diese Entwürdigung nicht erkennen zu müssen, werden sie von der Masse der Zuschauer zu den Helden der Straße erhöht. Auf die glitzernden Schilde ihrer Begeisterung gehoben und mit Champagnerströmen übergossen.

Die Würde des Menschen gilt nichts, nicht die des Menschen, der auf der Maschine sitzt noch die des Menschen, der diesem Sklaven zujubelt. Wurden neue Werte geschaffen, neue Maßstäbe für den Wert des Menschen? Ehrenhaftere? Menschlichere?

Jedes System ist nur so stark wie sein schwächstes Glied. So heißt es in einer Erkenntnis über die Zusammenhänge, die gegenseitigen Bedingungen in einem aus mehreren Teilen bestehenden System. Über das Zusammenwirken von Zahnrändern, die ineinander greifen, einander gegenseitig antreiben. Bricht das Schwächste von ihnen, stehen alle anderen still, auch die Stärksten.
Der Mensch sieht sich jetzt in einem Spiegel und fragt sich, wird ein neuer Mensch gefordert? Genügt er sich selbst als Mensch nicht mehr? Wie aber wird, wie soll dieser Neue Mensch aussehen? Und woher soll er kommen?

Nun weiß der Mensch über sich aus der Wissenschaft, die er über sich selbst begonnen hat, wie und aus welchen Bestandteilen er zusammengesetzt ist. Seine Neugier und sein Wissensdrang haben ihm schon die Werkzeuge in die Hand gegeben, seine Ernährung, die ihm die Natur anbietet, die er in der Natur gefunden hat, zu verändern. Folgerichtig muß er damit fortfahren, damit beginnen, die Bausteine der Heizkessel auf den Rennmaschinen zu verändern, zu verbessern.

Der Mensch wird einer neuen Erkenntnis begegnen, die jedoch wiederum schon eine alte ist. Die hat er schon mit der Erschaffung der Maschine begonnen. Der Mensch ist ersetzbar, die Maschine kann die Arbeit für den Menschen tun. Bald werden also auch die Maschinen, die bisher noch von Menschenkraft angetrieben worden sind, durch andere Maschinen angetrieben, die sich auf sie setzen werden.

Bleiben noch die Zuschauer, die dann auch durch Zuschau-Maschinen ersetzt werden.

Bleibt noch der Gedanke - oder ist auch der nicht der Letzte? - wer wird mit den Renn- Antreibe- und Zuschau-Maschinen spielen?


23. Juni 2007 ©  HeinzKobald



24.6.07 11:42
 


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